Der Kinderliedermacher
Der Großvater von Manfred Kindel hatte einen
Traum. Er wollte, dass sein Enkelsohn Musiker wird. Der alte Mann
brachte dem kleinen Jungen Blockflöte bei, als dieser vier
Jahre alt war und lehrte ihn, Noten zu lesen. Kurz vor dem Abitur
entschied sich der in Empelde geborene Künstler anders. Der
„schwarze Bariton“, seine Singstimme liegt zwischen
Bass und Tenor, verabschiedete sich vom Ziel, als Solist im „bürgerlichen
Kulturbetrieb“ Karriere zu machen. Er begann, sich politisch
in der Anti-Atomkraftbewegung zu engagieren und finanzierte sein
Studium der Erziehungswissenschaften als Straßenmusikant.
Als 1981 sein Sohn Johannes geboren wurde, begann
Kindel Kinderlieder zu schreiben. „Ich konnte immer schon
gut mit Kindern“, berichtet der 44jährige, der unter
dem Namen Unmada bekannt ist. Dennoch begann sein Schaffen als Kinderliedermacher
erst einmal im Hintergrund. Damals arbeitete Unmada hauptberuflich
in der Drogenberatungsstelle drobs.
Seit zehn Jahren ist der braunäugige Mann
mit dem großen Ring im Ohr selbständig. Seither widmet
er sich überwiegend seiner Musik und der Arbeit mit Kindern.
Vier CDs für Kinder hat er bereits produziert. Sein Hauptinstrument
ist das Akkordeon. Es hat den Vorteil, dass er es überall mit
hinnehmen kann. Sei es, wenn er als Maschseepirat auf den Tasten
des Schifferklaviers spielt oder tanzend und singend vor Tausenden
von Kindern auf dem Georgsplatz gegen die Kürzung im Kindertagesstättenbereich
protestiert.
Seine Augen blitzen, wenn er von dem Erlebnis
erzählt, das seine Einstellung zum Musikmachen geprägt
hat: Anfang der siebziger Jahre war Unmada mit der Aktion Sühnezeichen
in Polen. Gemeinsam mit anderen jungen Menschen baute er dort ein
Denkmal im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof. Als die Gruppe
nach getaner Arbeit unter der Dusche deutsche Lieder anstimmte,
erlitt eine ehemalige Insassin
des KZ, die vor der Tür Postkarten verkaufte
einen Nervenzusammenbruch. „Für mich war damit klar,
dass wir Deutschen eine neue Volksmusik brauchen“, sagt Unmada
nachdenklich.
Neben seiner Arbeit als Kinderliedermacher spielt
er mit Freuden seit mehreren Jahren in der Gruppe „mabon“.
„Wir machen Volksmusik mit meditativen Inhalten, Musik mit
Wurzeln und Flügeln.“ dass er überwiegend Musik
für und mit Kindern macht und Projekte wie den Kinderwald Hannover
initiiert hat, liege daran, dass ihm die Kleinen ganz besonders
am Herzen lägen.
Nur mit seinem Namen haben viele Schwierigkeiten.
„Im Deutschen gibt es kein Wort, bei dem auf ein „N“
ein „M“ folgt“, versichert er. Die einzige Ausnahme
sei das Wort unmöglich. Seinen ungewohnt klingenden Namen hat
Unmada vor 19 Jahren von einem indischen Meister bekommen. „Das
bedeutet soviel wie exstatisch oder verrückt im positiven Sinne“,
bemerkt der langhaarige Musiker.
Er selbst bezeichnet sich jedoch als Musikant.
Den Unterschied zwischen Musiker und Musikant sieht Unmada darin,
dass ein Musiker ein guter Techniker sei, der hochwertige Facharbeit
leiste; ein Musikant dagegen bringe die Musik aus seinem Inneren
nach außen, um dort die Menschen zu berühren. „Singen
öffnet die Herzen“, beteuert Unmada. Dann trällert
er los. Die Arie des Osmin aus der Oper „Die Entführung
aus dem Serail“ von Mozart. Seine Stimme hallt kraftvoll durch
den Raum, fröhlich, schmetternd, alles einnehmend. Dieser Musikant
erreicht seine Zuhörer und nimmt sie für sich ein.
Wenn sein Großvater noch lebte, er wäre
sicherlich stolz auf seinen Enkelsohn – den Musikanten mit
dem großen Herzen für die Kleinen.
Kristina Weidelhofer |